Mischwesen, 2024
Marlies Pekareks künstlerisches Schaffen bewegt sich seit vielen Jahren in den Zwischenzonen von Kunst und Handwerk und entlang der Bruchstellen, wo die oft willkürlich gesetzten Grenzen zwischen diesen Bereichen unscharf und durchlässig werden. Sie untersucht Darstellungstraditionen in Kunst und Religion und fragt danach, wie diese in die Alltagskultur, übernommen werden.
Für ihre Kleinskulpturen greift die Künstlerin auf ganz unterschiedliche Vorlagen zurück, von Holzschnitzereien zu Nippesfiguren aus Porzellan oder Keramik bis zu billigen Souvenirs aus aller Welt. Ein besonderes Augenmerk richtet sie auf Fabel- und Mischwesen, wie sie in der Mythologie vieler Kulturen auftreten. So sind Ovids Metamorphosen in der abendländischen Kunst bis heute eine unerschöpfliche Quelle. Und aus dem alten Ägypten kennen wir zahlreiche tierköpfige Gottheiten. Dem Ba, der im ägyptischen Totenkult einen der Aspekte der Seele darstellt und oft als menschenköpfiger Vogel abgebildet wird, setzt Pekarek den Kopf eines puppenhaften Jesuskinds mit Krone auf und verwischt so die Grenzen zwischen Zeitaltern, Kulturen und Religionen.
Für die Auswahl an Tieren, bezieht sich die Künstlerin einerseits auf Falken, Eichhörnchen, Hirsch, Hund und Katze. Zum andern gehören Brauchtum, Märchen und Legenden wie die Bremer Stadtmusikanten oder der Gestiefelte Kater zu ihren Quellen.
Die Parade der Figuren gleicht auch einem Maskenball der Tiere, wo sich jedes als etwas anderes ausgibt. Das ambivalente und oft widersprüchliche Verhältnis des Menschen zur Tierwelt, zeigt sich zum einen in der Verehrung oder Verniedlichung, zum andern in der Dämonisierung gewisser Tiere.
Bedeutungsverschiebung ist typisch für Pekareks Spiel mit überlieferten Vorstellungen, Geschichten und Interpretationen. Auch Wölfe, Adler und Bären gehören zu den Tieren mit zwiespältigem Ruf, für ihre Kraft ebenso verehrt wie gefürchtet und als Trophäen gejagt. Sie sind zudem beliebte Sujets im Kunsthandwerk und Souvenirhandel. Was heute die Touristen sind, waren früher die Pilger.
Marlies Pekarek versetzt die Objekte in einen stetigen Kreislauf zwischen Kunstwerk und Kitsch, zwischen Wert und Wertlosigkeit, zwischen Original und Massenprodukt und stellt uns vor die Frage, welche Bedeutung wir diesen Dingen geben und geben wollen.
Corinne Schatz 2021/2024